logoblogg.de • Elektrische Zigarette 

Dienstag, 20.09.2005

wir haben gewonnen!

So. Da war nun also die Wahl im Rest des Landes und Deutschland hat entschieden. Weniger für, als wohl eher gegen etwas. Gegen Rot-Grün und gegen Schwarz-Gelb. Die Opposition scheint plötzlich so attraktiv geworden, dass sowohl Grüne als auch die FDP unbedingt hineinwollen. Die Linke hat niemand gefragt.

Es laden gleich zwei Parteien zu Gesprächen ein. Schließlich haben ja alle die Wahl gewonnen. Die CDU, weil Rot-Grün abgewählt wurde. Die SPD, weil es nicht zu Schwarz-Gelb gekommen ist, und weil sich Wahlerfolge neuerdings nach den Umfrageergebnissen vor der Wahl bemessen. Eigentlich haben auch die Grünen gewonnen, denn sie haben ja nicht so viele Stimmen verloren wie sie dachten und außerdem hat Herr Fischer einen so engagierten Wahlkampf betrieben, dass er nun einfach nicht enttäuscht sein darf. Auch die FDP hat gewonnen ? und setzt nun alles daran, bloß nicht in die Verantwortung genommen zu werden. So hatten sie sich das nämlich nicht vorgestellt. ?Was hat sich der Wähler bloß dabei gedacht? Denkt er überhaupt??, fragt man sich dort. Die Linke hat natürlich auch gewonnen ? die PDS hat ihren ostdeutschen Ehemalige-Volkspartei-Status aufgegeben, um den gesamtdeutschen Underdog-Status zu erlangen. Sie war erfolgreich. ?Keiner spricht mit uns und wir sind stolz darauf.? (Ich kenne das, ich verstehe das; so war ich mit fünfzehn auf dem Schulhof auch.)

Diese Wahl kennt keine Verlierer. Außer Frau Merkel, der ja Herr Schröder schon klar zu verstehen gab, dass es nur einen geben könne, und der sei natürlich er. Egal unter welchen Umständen. Egal unter welcher Regierung. Seinem Gebaren nach zu urteilen, bereitete sich Schröder jedoch schon direkt nach der Wahl innerlich auf die Jamaika-Koalition vor. Natürlich, wie sollte es anders sein, unter seiner Führung.

Alle werden mit allen sprechen, schließlich sind alle Gewinner. Nur mit der Linken nicht, von denen man natürlich auch keine Duldung dulden will. Deshalb wird bei allen geheimen Abstimmungen im Bundestag demnächst die Anzahl der Stimmen der Linken von jedem Ergebnis abgezogen. Zur Sicherheit. Denn man duldet die Linke nicht. Die Linke ist schuld an dem desaströsen Ergebnis dieser Wahl, die man da ?gewonnen? hat.

Man ist auch sehr enttäuscht über den Wähler. Ohne ihn hätte alles so schön sein können. Man hätte durchregieren können, ohne Jamaika und ohne den Herrn Ex-Medien-Kanzler und ohne die Linkischen Demagogen. Und ohne die Eiserne Ost-Lady und den Professor da aus Heidelberg. Aber nun hat man das Volk gefragt, und es hat geantwortet. Und jetzt fällt es allen verdammt schwer, nicht wie in der Schule einfach zu sagen ?Sechs. Setzen.? und den nächsten dranzunehmen. Aber das geht ja auch nicht, man hat ja dummerweise gleich die ganze Klasse gefragt.

Für die Gewinner der Wahl ist eins klar: Die Politik ist korrekt, der Souverän hat gefehlt. Er destabilisiert die Wirtschaft, er will gar keinen Aufschwung! Er will auch keine stabile Politik! Vielleicht wird es Zeit, den Souverän abzusetzen und einen neuen zu ernennen. Ich fordere ein Gesetz zur Auflösung des Volkes.

Nun hat Deutschland also entschieden. Und wie soll ich mich entscheiden? Die Kenntnis um das Ergebnis des Wahlausgangs erleichtert meine Entscheidung nicht gerade. Gestern erst hatte ich eine Diskussion mit einem meiner Freunde darüber, ob es sich denn jetzt überhaupt noch lohne, wählen zu gehen. Um ehrlich zu sein: Auch ich wähle nur noch aus Prinzip. Ich entscheide mich für das kleinste aller Übel.

Nur, was ist dieses Mal das kleinste aller Übel? Ich habe es mit alten Loyalitäten versucht, und bin gescheitert. Ich habe es mit Vernunft und der Auseinandersetzung mit Parteiprogrammen versucht, und bin gescheitert. Ich habe es mit ?aus dem Bauch?-Entscheidungen versucht, und bin gescheitert. Jeden Tag komme ich zu einem anderen Entschluss. Nichts sagt mir so zu, als dass ich sagen könnte: ?Da stehe ich dahinter.? Reformen wollen sie alle, auf die ein oder andere Weise. Niemand so radikal, wie es längst nötig wäre. Niemand mit den Prioritäten, die ich persönlich für nötig halte. Und nun stehe ich da, und muss überlegen: ?Was wäre denn das Größte aller Übel??, und wähle das Gegenteil.

Der Tag nach der Wahl begann für mich verschnupft. Nicht aufgrund des Ergebnisses; wenn es nicht so programmatisch wäre, hätte ich es amüsant gefunden. Oder vielleicht gerade deshalb. Nein, ich habe einfach nur eine Erkältung. Nach den doch recht konstant milden Temperaturen in England meinte ich nämlich, auch hier tags wie nachts im Rock, ohne Strumpfhose und nur mit Strickjacke herumlaufen zu können. Tagsüber war das zu warm, nachts zu kalt. Aber ich musste ja unbedingt meine neuen Klamotten anziehen. Ich lerne?

Samstag, 17.09.2005

tante hannah in cov

Es war eine überaus interessante Woche. Es sind gleich drei Dinge passiert: ich bin aus England zurückgekommen, ich darf zwei Wochen später wählen als der Rest der Republik, und ich werde schon wieder Tante. Keines dieser drei Dinge stimmt besonders zufrieden.

England: Es war schön, mal wieder in Cov zu sein. Es war wunderschön, Danny wiederzusehen. Und den Tin Angel. Und Java Joe?s. Weniger schön war es, dass sich ein gewisser Jim ? in internen Kreisen liebevoll ?the obsessive twat? genannt ? allzu sehr freute, mich wiederzusehen. Am ersten Tage wusste er nicht, was er sagen sollte, und redete nur Blödsinn. Am zweiten Tag kam in den Tin Angel, sah mich, setzte sich ohne zu fragen ? bzw. auf meine Antwort zu warten ? und starrte mich an. Abgesehen davon, dass er schon betrunken war, fand ich auch dieses abwartende Starren und Grinsen so unerträglich, dass ich irgendwann geplatzt bin und den Tisch gewechselt habe. Und was tut Jim? Er kommt mit an den anderen Tisch und grinst mich weiter hoffnungsvoll-unterwürfig an. Zwei Stunden lang. Jedesmal, wenn ich versuchte, mich so umzusetzen, dass ich ihn nicht sehen musste, schob er sich wieder in mein Blickfeld. Zwischendrin wurden dann Anrufe getätigt, in denen er denjenigen seiner Freunde, die überhaupt noch abnehmen, erzählte, er sei mit mir im Tin Angel. Ich war selten so kurz davor einfach aufzustehen und ihm eine zu langen. Nach dem Abend habe ich Cov gemieden und bin in Birmingham, Leicester, Leamington ausgegangen.

Die Nachwahl: Als ich am Mittwoch nach Hause kam, fand ich mich wieder mit der unangenehmen Frage konfrontiert, wo ich nächsten Sonntag mein Kreuzchen machen solle. Am Donnerstag dann wurde ich von den Leuten in der Wohnung über mir darauf aufmerksam gemacht, dass die Wahl in Dresden I nicht stattfände. ?Wie bitte? Wie nicht nächsten Sonntag?? Nun, offensichtlich hat Dresden den Verlust der guten Frau Lorenz zu beklagen und deshalb bekommen wir noch ein paar Wochen Bedenkzeit. Wie schön. Ich kann mir nicht helfen, aber falls das vorläufige Endergebnis eindeutig sein sollte, wird sich mir unweigerlich die Frage aufdrängen: Wieso überhaupt noch zur Wahl gehen? Und falls es nicht eindeutig ist ? ja, dann können wir uns wohl wieder einmal auf die hohen Tiere aus Berlin in unserem Städtchen freuen. Ich muss sagen ? auch auf die Gefahr hin, dass es pietätlos klingt ? Frau Lorenz hätte ruhig ein wenig später sterben können. Nach der Wahl. Ich muss schon sagen, mir ist ein wenig die Galle hochgekommen, dass ausgerechnet wegen dieser Partei (die mir übrigens inzwischen zum dritten Mal ihre hanebüchene Wahlzeitung in den Briefkasten gestopft hat) so ein Theater gemacht werden muss.

Tante Hannah: Ja, ich werde schon wieder Tante. Letzten Februar mein kleiner Neffe, Sohn meiner Schwester ? und jetzt? Jetzt haben es auch noch mein Bruder ? das intellektuell schwarze Schaf der Familie ? und seine ?mollige? Frau geschafft, ein Kind zu zeugen. Das war bislang etwas, was in unserer Familie für anatomisch unmöglich erklärt wurde. Wenn ich sagen würde, die Dame sei dreimal so breit und auch dreimal so schwer wie ich, dann wäre das alles, nur keine Übertreibung. Mein Bruder ist, zumindest seit er mit ihr verheiratet ist, auch nicht gerade der schlankste. Was meines Erachtens daran liegt, dass die einzige Mahlzeit, die sie aus dem Kopf zubereiten kann Schinkennudeln sind. Ansonsten fahren sie meist zu McDonalds. Warum bloß tut mir das Kind jetzt schon leid?

Mittwoch, 07.09.2005

through the arches to the maudslay

Heute geht es zurück nach Coventry. Straßenbahn, Bahn, Flugzeug, Coach, Bus. Ich liebe es zu reisen. Ich hoffe, ich verpasse am Flughafen nicht den letzten Bus. Ich hoffe, ein paar der Leute in Cov haben Zeit für mich. Nur sehr ungern würde ich die ganze Woche allein verbringen, auch wenn mir das vielleicht gar nicht schaden würde. Zwar habe ich mich dagegen entschieden, meine Spanisch-Unterlagen mitzunehmen, aber wenigstens Suburbia könnte ich lesen und mir ein paar Gedanken dazu machen. Ich müßte mich dringend um mein Studium kümmern, aber jetzt? hab ich erst einmal Urlaub von Deutschland.
Mit Deutschland ist das so eine Sache. Ich mag mein Land und bin auch gerne hier ? aber im Grunde wäre ich dann doch meist lieber woanders. Nach der Zeit in England kommt mir alles ein bisschen fremd vor ? und vor allem sehr klein.
Jetzt jedenfalls geht es erst einmal nach Cov und dann zurück in mein trotz allem geliebtes Dresden. Zweimal in einer Woche nach Hause kommen, was kann es Schöneres geben? (Außer in der Bahn sitzen natürlich?)
Es ist immer noch seltsam, auf Deutsch zu schreiben. Vielleicht ist es einfach eine Frage der Gewöhnung.

Dienstag, 06.09.2005

muttersprache

Es ist so sinnlos. Jedesmal, wenn ich ein Posting auf Deutsch anfange, stelle ich nach drei oder vier Zeilen fest, dass ich auf Deutsch nicht schreiben kann. Natürlich spreche ich die Sprache, natürlich sollte sie mir näher stehen als jede andere ? und trotzdem tut sie es nicht.

Morgen geht es zurück nach Cov, wenn auch nur für eine Woche. Ich freue mich.

Montag, 05.09.2005

zyprex it

Ich kann das nicht auf Deutsch. Mir fehlen die Worte. Fakten, Fakten, Fakten. Ja.

Es gab mal eine Zeit, das ist gar nicht so lange her, bevor es die kleinen Pillen gab. Die kleinen Pillen die ich jeden Abend brav einnehme um so zu funktionieren wie jeder andere auch. Frag mich nicht wie meine Mutter: ?Tickst Du noch ganz richtig?? Ich denke nicht, nein. Es gab da mal diese Zeit ? und ich bin pessimistisch: sie wird wiederkommen ? da konnte ich über alles schreiben. Selbst als da nichts mehr war in meinem Leben gab es etwas zu schreiben. Selbst die Leere innendrin, selbst die Angst ließ sich irgendwie in Worte fassen. Und es ist nichts davon weg, ich spüre es nur anders. Ein Film aus Olanzapin auf meinem Verstand ? wie ein Ölfilm auf der Straße. Es ist rutschig, ich selbst finde keinen Halt. Es ist jetzt so unauffällig, dass ich es selbst kaum noch merke. Dass ich keine Worte finde mehr für irgendetwas ? weil es einfach alles abschaltet.

Es ist komisch. Es ist beängstigend. Und doch macht es keine Angst. Die Tabletten sind ja da. Nur die Unruhe. Nur das ?Es muss noch mehr geben?. Nur diese kleinen Bilder ganz hinten. Nur die sind noch da.

Am Anfang war es gut. Eine Pause vor mir selbst, ein Pause von der Welt und den Dingen, die mich sonst so sehr bedrängten, dass ich nach einer Weile nichts und niemanden mehr sehen mochte. Aber jetzt langsam sehe ich auch, dass es noch mehr abschaltet. Meine Wespenphobie. Die Trauer um meinen Vater. Viel zu viel eigentlich. Nur eins nicht, und das wundert nun selbst mich. Und dieses eine tue ich nicht so wie ich möchte, weil ich die gesellschaftlichen Sanktionen fürchte. Selbstzerstörung jeglicher Art ? den Fitness- und Jugendlichkeitswahn einmal ausgenommen ? werden erfahrungsgemäß nicht gern gesehen.

Manchmal fühle ich mich wie Sascha Selkirk: Alle erleben, nur ich nicht. Ich spüre nichts. Außer ich kann es irgendwie rauslassen, buchstäblich. Klingt das mies? Klingt das dumm? Vielleicht, aber dann kann ich es nicht ändern. Der Waffenstillstand in meinem Kopf dauerte schon viel zu lang um ihm noch zu trauen. Es geht wieder abwärts.

Sonntag, 04.09.2005

herrschaft der blaupause

Nun sitz ich hier, war eine Woche weg ? und was wird aus dem Projekt? Die Finanzierung stellt sich als zunehmend schwierig heraus ? was unter anderem daran liegt, dass sich die Herrschaften erst so spät dazu entschlossen haben, es aber möglichst bald durchführen wollen.
Was für ein Projekt überhaupt? Ein Theaterstück mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Was für ein Theaterstück? Surburbia von Eric Bogosian. Sozial benachteiligte Jugendliche? Keine Ahnung. Es muss werden, wie auch immer. Ich weiß nicht, wie man eine rechtsverbindliche Erklärung über Eigenmittel erstellt. Ich habe keine Ahnung, wie ein Finanzierungsplan auszusehen hat. Ich fühle mich von Bürokratie umgeben, und dabei wollten wir Theater machen. Die Welt ist nicht so kompliziert, wie sie mir oftmals erscheint. Manchmal hingegen?

Montag, 29.08.2005

ab nach mama...

Und so sitz ich hier, fast fertig mit dem Packen, und schlage die Zeit tot. Heute geht es zu meiner Mutter, die schon wieder in einer neuen Stadt in einer neuen Wohnung mit einem neuen Kerl wohnt. Alles neu, und trotzdem alles beim Alten.
Einer der unerfreulicheren Nebeneffekte an meiner Mutter ist, dass ich immer lange Ärmel tragen muss, wenn ich bei ihr bin. Nicht unbedingt, weil sie das so möchte, sondern eher weil ich nicht möchte, dass sie die Narben sieht. Ich kann mir nicht helfen, aber die Fragen würde ich mir gerne ersparen. Nun ja, letztendlich wird es wohl einfach nur sehr, sehr warm werden.
Bahnfahren ist eigentlich immer schön. Leider ? und auch das gehört zum Bahnfahren ? ist es nie ?eigentlich?, sondern fast immer die von der Bahn behauptete Ausnahme von der Regel. Das einzige ?eigentliche? an der Sache ist, dass es eigentlich müßig ist, sich darüber zu echauffieren. Es wird sowieso schon warm genug.

Samstag, 27.08.2005

post

Ich bin heute so früh aufgewachte wie lange nicht mehr. Zehn Uhr morgens. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt klingt als wäre ich Student in der vorlesungsfreien Zeit, aber das ist früh.
Gestern habe ich einen Brief von Danny bekommen. Ich hab mich gefreut wie lange nicht mehr. Danny ist aus Coventry und arbeitet dort in einem Coffeeshop. Java Joe?s heißt der Laden. Wie ich nach langem Suchen feststellen musste, ist das der einzige Ort in Cov an dem man (außer im Tin Angel) guten Kaffee bekommt. Es wundert mich kein bisschen, dass die Engländer lieber Tee trinken. Java Joe?s hingegen ist die Ausnahme, und sollte jedem empfohlen sein, der nach Birmingham, Leamington Spa oder Coventry fährt. Allein schon wegen Danny. Beim Rest der Bedienung allerdings wird man mit Polnisch weiterkommen als mit Englisch. Wenn man höflich ist, lernt man dort auch polnische Zungebrecher, die ich inzwischen zwar aussprechen, aber nicht schreiben kann. Alles in allem lohnt es sich immer, dort mal vorbeizuschauen. Und für England sind sogar die Preise in Ordnung.

Freitag, 26.08.2005

modern art

So I?m in the Tate and I?m looking at a Hockney, and wow! there?s something amazing about that Blue. It makes me want to step outside; I want to loosen my tie. Sweet Jesus! my heart is beating faster and faster, I?m palpitating, I?m sweating; I just can?t help myself, I just can?t help myself.
Modern Art
makes me
want to rock out.
So I?m in the Pompidou, that?s in Paris. And the French, they?re far more laid back about their art galleries. There?s little Children running about, I see a piece by Matisse, that?s my window of opportunity, I take five steps back, I put my head down and I run at it?
Modern Art
makes me
want to rock out.

Art Brut zaubern mir immer wieder ein debiles Lächeln aufs Gesicht.

voll im trend und nicht erwachsen

Heute ist wieder einer dieser Tage. Einer dieser Tage, die man allein verbringt. Einer dieser Tage, an denen man eigentlich besseres zu tun hätte, es aber nicht tut. Einer dieser Tage, an denen einem nur nach essen, schlafen und trinken zumute ist. Vielleicht nicht in dieser Reihenfolge. Es ist, im Großen und Ganzen, ein sehr unproduktiver Tag.
Es ist nun nicht so, als dass ich diese Tage besonders langweilig finde. Ich gestehe sogar: Ich finde die gut. Denn nichts macht mir so schön deutlich, dass mich im Grunde keiner braucht, als wenn ich mich ein paar Tage mal nirgendwo melde und nichts mache. Niemand merkt etwas davon ? zumindest aber lässt sich niemand etwas davon anmerken.
Manchmal wünsch ich mir solche Tage. Eigentlich sehr oft sogar (aber das sollte ich nicht sagen, denn man soll keinen Satz mit ?eigentlich? beginnen). Es stimmt mich traurig, dass die Zeit des erzwungenen Nichtstuns nun zu Ende geht. Ich habe das Gefühl, jetzt wird wieder von mir erwartet und verlangt, ohne dass ich weiß was überhaupt, geschweige denn warum oder mit welchem Recht.
Insofern war das Leben in England einfacher. Ich will nicht? Ich mache nicht. Hier sind die Bekannten von früher, und plötzlich soll ich wieder der Mensch sein, der ich mal war. Es ist manchmal anstrengend, einem Ich von vor zwei Jahren hinterherzulaufen. Und hier tut sich ein Widerspruch auf, den ich für mich nie ganz auflösen konnte:
Einerseits weiß ich aus Erfahrung, dass die meisten meiner Mitmenschen es nicht schätzen, wenn man sich wandelt ? vor allem dann nicht, wenn ihre Lebensumstände (du damit auch, machen wir uns nichts vor, ihre Persönlichkeit) relativ konstant sind. Zudem wird von mir erwartet, dass ich angesichts meines Alters jetzt bitte schön beginnen solle, mir eine integere und gefestigte Persönlichkeit zuzulegen. Andererseits soll ich auch bitte flexibel, innovativ, anpassungsfähig und leicht beeinflussbar sein ? letzteres sagt zwar so offen keiner, aber es ist trotzdem recht offensichtlich. Ich soll mich ausprobieren und meine Möglichkeiten erkunden, meinen Erfahrungshorizont erweitern, und was nicht alles. Ich soll es also, wenn es danach ginge, am besten allen recht machen. Das kann ich aber nun nicht. Ich bitte also hiermit alle die, die es angeht (und die dies wahrscheinlich nicht lesen), es mir nicht überzunehmen, wenn ich mich für gegen den alten Trott entscheide. Dass dies zu Lasten alter Freundschaften geht, nehme ich in Kauf.
So. Eigentlich wollte ich nur mal sagen: Ich fühle mich überfordert und von den postmodernen Gesellschaftsstrukturen übergangen. Ich fühle mich hilflos und nicht ernst genommen. Ich fühle mich wie ein Teenager und schreibe auch so. Ich bin aber zweiundzwanzig und sollte es besser wissen. Ich lege mich jetzt auf die Couch und erzähle davon, was meine Mutter alles falsch gemacht hat. Irgendwann schlafe ich ein. Morgen ist dann ein neuer dieser Tage.

Donnerstag, 25.08.2005

wieso, weshalb, warum

Oh nein. Nein, so nicht. Es gehört zur Beschaffenheit dieser Welt, dass es nicht auf alles Antworten gibt. Und manchmal ist das auch ganz gut so.
Ich war heute einkaufen.
Das heißt, erst bin ich zur Sekretärin unseres Instituts gefahren und habe meinen Arbeitsvertrag für den August letzten Jahres unterschrieben, aber das tut nicht viel zur Sache ? obwohl ich gestehen muss, dass es schon angenehm ist, jetzt doch noch die hundert Euro überwiesen zu bekommen. Damit habe ich sozusagen die Rückmeldegebühren für dieses Semester gespart.
Jedenfalls war ich einkaufen, und das an sich ist ja auch noch nichts Besonderes. Ich suche etwas Bestimmtes und kaufe am Ende mehr als brauche. Alles wie immer. Aber an der Kasse sitzt doch tatsächlich ein netter junger Herr und grüßt freundlich. Häkchen Nummer eins. Ich lege meine Sachen aufs Band, und suche ? noch völlig verschwitzt und leicht fahrig vom Radfahren vorher ? mein Portemonnaie. Und
suche, und suche. Er lächelt weiter. Häkchen Nummer zwei. Schließlich finde ich es und stelle fest, dass ich kein Bargeld habe. Erste Reaktion: Mist. Panik. Dann den Knopf aus dem Ohr genommen und wieder viel zu schüchtern gefragt: ?Kann ich das mit Karte zahlen?? Ein Ja und ein leicht amüsiertes Lächeln, der Kassenzettel unter meiner Nase ? ?Und bitte eine Unterschrift, Frau S.? Häkchen Nummer drei. Dann die Frage, die mich vollends aus der Fassung bringt: ?Ist alles in Ordnung?? Solche Fragen werden anderen gestellt. Ich beziehe solche Fragen nicht auf mich. Also gibt es dementsprechend keine Reaktion. Ich packe stattdessen hastig und inzwischen komplett verdattert meine Einkäufe ein. Der Kassierer
wiederholt seine Frage aber noch einmal, diesmal etwas genauer:
?Ist alles in Ordnung bei Ihnen ? ich meine, mit ihrem Einkauf??
????
?Ich meine nur, Sie gucken so erschrocken? Ist alles ok gelaufen da drin??
?? ach so? ja, nee, also. Ja, nee, ist alles in Ordnung.?
Da musste ich dann grinsen. Er klang so besorgt, und langsam gewöhne ich mich daran, dass man mir ständig Katastrophen andichtet. Ich frage mich, was die Menschen sich so denken. Er grinste zum Glück zurück. Und mir fiel nichts ein, als Tschüß zu sagen. Jetzt sitz ich hier mit meinen Einkäufen. Allein, mein Freund ist heute nicht da, was auch sehr angenehm ist. Von dem Kassierer erzähle ich ihm besser gar nichts. Ich glaube, manche Momente gehören mir ? ohne dass sie jemand kommentiert und durch seine schwarze Brille betrachtet. Ich gebe zu, der Kassierer kam auch mir etwas seltsam vor... aber lieb war er schon.